Interview mit Martin Farkas

»Ein Trauma, das Ungeheuer gebiert«

Demmin ist ein kleiner Ort in Mecklenburg-Vorpommern mit großer historischer Wucht. Wenn man dort hingeht, anfängt zu graben und wie ein Archäologe die einzelnen Schichten der Vergangenheit bloßlegt, stößt man auf viel Verdrängtes und eine traumatische Geschichte. Der Film zeigt uns diese Schichtungen und Verwundungen. Du kommst nicht aus dem Osten, bist im Allgäu groß geworden. Was hat Dich dazu gebracht, Demmins Geschichte erzählen zu wollen?

Meine Wurzeln liegen sowohl im Osten als auch im Westen. Mein Vater kommt aus Czernowitz und hat den Krieg als Kind und Jugendlicher übel miterlebt. Meine Mutter ist im Westen groß geworden. Ich selbst habe immer eine große Affinität zum Osten gespürt. Am 8. Mai 2013 war ich mit Charly Hübner in Demmin, um dort für seinen Beitrag der rbb-Reihe »16×Deutschland« einen Nazi-Aufmarsch zu filmen und war völlig überrascht von der Veranstaltung, weil sie so ganz anders war als die Naziaufmärsche, die ich sonst kannte. Alles ging ganz ruhig vonstatten, die Stadtbewohner hatten sich zurückgezogen.

 

    Filmstill     Filmstill

 

An diesem Abend haben die Nazis Demmin beherrscht, es gab kaum Widerstand, in der ganzen Stadt herrschte eine sehr komische Atmosphäre. Ich sagte zu Charly: »Wenn wir den Aufmarsch so filmen, wie er gerade abläuft, dann landen wir bei Leni Riefenstahl. Wir dürfen da nicht einfach draufhalten. Wir müssen eigentlich die Gesichter der Nazis zeigen.« Ich bin deswegen mit meiner Kamera direkt in den Marsch rein - und hab dann erstmal auf die Schnauze gekriegt. Dieser Hass und Vernichtungswunsch, der mir da - natürlich auch als Projektionsfigur mit der Kamera - entgegengebracht wurde, hat mich nachhaltig bewegt. Ich hab angefangen zu recherchieren und kam dann auf die Geschichte dieser Stadt.

 

Was ist das genau für ein Ereignis, auf das sich die Nazis mit diesem »Trauermarsch« beziehen?

In Demmin ist etwas Ungeheuerliches passiert, was in dieser Dimension einmalig ist. Am 30. April 1945 hatte die Rote Armee Demmin erreicht. Eigentlich sollten die Russen einfach durchfahren und am Abend in Rostock ankommen. Demmin ist nur ein kleiner Ort, aber von drei Flüssen umgeben. Da die abziehende SS hinter sich die Brücken gesprengt hatte, konnten die Panzer der Russen nicht gleich weiter. In dieser angespannten Situation kam es zu sexueller Gewalt. Häuser, in denen Hitlerbilder hingen, wurden angezündet. Und nun kam es in dieser brennenden, von Gewalt erfassten Stadt, zu einer Art hysterischen Massenbewegung: Bewohner, die über die Jahre auch mit extrem viel Propaganda bombardiert worden waren, bekamen so große Angst, dass sie sich selbst umbrachten, dass sie sich ihre Kinder um den Bauch banden und mit ihnen ins Wasser gingen, dass sie sich die Pulsadern aufschnitten. Die Großväter sagten zu ihren Töchtern und Enkeltöchtern: Wenn Du vergewaltigt wurdest, bist Du keine richtige Frau mehr.

 

Es gab also eine reale Angst vor Gewalttaten, die auch durchaus berechtigt war. Aber man stellt sich doch die Frage: Warum diese Massenhysterie? Was ist da genau passiert? Und warum gerade in Demmin?

Ich habe drei Jahre vor Ort recherchiert und sehr viele Zeugen befragt. Natürlich haben wir auch versucht, die sowjetische Perspektive einzuholen und zu verstehen, und in Archiven in Moskau recherchiert. Unser Ergebnis ist, dass es eine letzte Antwort auf diese Fragen nicht gibt. Dass sich Leute in den letzten Kriegstagen umgebracht haben, weil das System im Zusammenbruch war, an das sie sehr geglaubt hatten - dieses Phänomen gab es in ganz Deutschland. Dazu kam, dass alle Brüder und Väter im Krieg waren. Es drang natürlich durch, was die Deutschen in der Sowjetunion veranstaltet hatten - die ungeheure Gewalt, die auch von der Wehrmacht ausgegangen war, die zahllosen Menschenrechtsverletzungen. Natürlich gab es da auch das Bewusstsein: Es könnte eine große Rache auf uns zukommen. Niemand hat damals in Demmin die Ereignisse aufgeschrieben. Viele der Überlebenden waren noch Kinder und haben jetzt zum Teil zum ersten Mal überhaupt davon erzählt. Wir können die Geschehnisse nicht zu Ende analysieren. Wir müssen sie hinnehmen - als Ursache für eine schwere Traumatisierung dieser kleinen Stadt.

 

Deine Zeitzeugen sind heute alles betagte Leute. Wie hast Du sie zum Erzählen gebracht? Man darf ja nicht vergessen, dass das Sprechen über die Ereignisse während der DDR Tabu war. Die Soldaten der Roten Armee waren in der offiziellen Darstellung schließlich die Befreier ...

Hier spielen mehrere Aspekte eine Rolle. Es stimmt, was Du sagst: Die Rote Armee, das waren die Befreier, die Freunde. Es ist aber auch so, dass es bei schweren Traumatisierungen zwei Reaktionen gibt. Zum einen das Reden darüber, was einige Frauen auch zunächst gemacht haben - aber nur solange, bis die Männer aus dem Krieg zurückgekommen sind. Die wollten dann meist nicht, dass weiter über die Ereignisse gesprochen wird. Die andere Reaktion ist das Schweigen. Dank der Traumaforschung wissen wir heute, dass auch das durchaus eine gesunde Reaktion ist, weil es manchmal im Wortsinn unerträglich ist, das Geschehen wieder hochzuholen. Das gilt aber nur eine Zeit lang. Wenn das Trauma immer im Schweigen, im Ungewissen bleibt, dann gebiert es Ungeheuer und hat Folgen für die nächsten Generationen. Das war letztlich auch das, was mich am meisten an diesem Thema interessiert hat. Ich dachte mir: Das ist unsere deutsche Geschichte, die ich hier wie im Brennglas angucken kann. Und vor allem ist es eine Geschichte, die uns alle Deutschen angeht. Mich hat nicht vordergründig interessiert, ob es hier um Ostdeutsche geht oder um die Landbevölkerung. Ich hab gemerkt, dass ich hier auch etwas über mich selbst, der ich in der Idylle des Allgäu groß geworden bin und immer einen Hang zu Schwermut hatte und bei Diskussionen oft an Grenzen gestoßen bin, erfahren kann.

 

Die Berichte Deiner Zeitzeugen sind aber nicht nur Gräuelberichte, sie sind weit differenzierter ...

Absolut. Das war für mich auch ganz wichtig: Die Leute, die bereit waren zu erzählen, hatten ihre Wut völlig überwunden. Viele von ihnen hatten auch niemals Rachegefühle entwickelt, weil sie erlebt hatten, dass sie von den Russen aus dem Wasser gezogen wurden, dass ihnen die von den Müttern aufgeschnittenen Arme verbunden wurden. Tatsächlich haben die Russen die Ereignisse in Demmin wohl mitausgelöst - zusammen mit vielen anderen Einflussfaktoren. Aber sie waren eben nicht die Täter, wie es lange die Erzählung war, die dann auch noch unter dem Deckel gehalten wurde. Erst als die Generation der »Täter« gestorben war, konnten all diese Dinge leichter besprochen werden.

 

Der Auslöser für Dich war der jährliche Nazi-Aufmarsch in Demmin. Wie erklärst Du Dir, dass es den Rechten bis zu einem bestimmten Punkt gelingt, das Andenken an die Tragödie zu missbrauchen?

Das Fatale ist, dass die Neonazis nach der Wende, als die Geschichte endlich anders besprochen werden konnte und die Erinnerungen an damals hochkamen, die Chance erkannt haben, diese Ereignisse zum Zwecke ihres Geschichtsrevisionismus zu verwenden. Dafür halten sie nun jedes Jahr diesen »Trauermarsch« ab, immer am Jahrestag des 8. Mai 1945. Organisiert wird er privat, im Hintergrund steht die NPD in MecklenburgVorpommern. Leute aus der ganzen Umgebung reisen dafür an. Natürlich ist das ganz fatal für die Leute vor Ort. Denn sicher ist Trauer angemessen, aber wenn sie derart missbraucht wird, ist es ganz schwierig, damit gut umzugehen.

 

Es ist auch schwierig, damit filmisch umzugehen. Wie war Deine Herangehensweise an diese große Wunde?

Ich hab angefangen über diese Geschichte zu recherchieren, bevor der Rechtsradikalismus in Deutschland dermaßen aufgepoppt ist, wie wir es in den letzten beiden Jahren erlebt haben. Mittlerweile haben extrem Rechte ja sogar den Einzug in den Bundestag geschafft. Ich hatte schon immer das Gefühl, dass dieser rechte Rand von irgendwoher gefüttert wurde. In unserer Mitte musste es eine Tendenz geben, die ihn am Leben erhält. Dabei geht es mir immer erstmal darum, etwas zu verstehen, und nicht darum, zu urteilen. Ich sehe mich als einen Erforscher, der wirklich in der Tiefe verstehen möchte. Mit dieser grundsätzlich neugierigen Haltung bin ich auch den Rechten begegnet. Dass ich sie wirklich verstehen wollte, hat viele von ihnen überrascht. Dadurch war die Offenheit bei einigen möglich.

 

Im Film sieht man auch die andere Seite: die Gegendemonstrationen und die gegen rechts engagierten Bürger. Dann gibt es aber auch die Schwankenden, die Leute im Ort, die keine ganz klare Haltung haben, sich nicht richtig festlegen. Waren das auch für Dich die besonders bewegenden und beunruhigenden Begegnungen?

Haltung zeigen, Haltung suchen, Haltung finden - darum geh´s. Und das ist in so einer kleinen Stadt mit etwa 10.000 Einwohnern eine ganz andere Nummer als in Berlin, Dresden, München oder Hamburg. In einem so kleinen Ort bin ich mit meiner Haltung ständig konfrontiert und stehe den anderen gegenüber. Und das ist natürlich auch genau der Kern des Problems: Es kann schwere Konsequenzen haben, Haltung zu zeigen.

 

Du warst über einen Zeitraum von drei Jahren immer wieder in Demmin und hast die Stadt sehr genau beobachtet. Wofür steht sie für Dich?

Für mich ist ganz wichtig: Ich habe in Demmin Freunde gefunden. Ich habe die Gegend und die Stadt wirklich schätzen gelernt. Und ich habe etwas dort sehr Wichtiges verstanden: All die oberflächlichen Urteile, die wir übereinander fällen, und das gegenseitige Aufeinandereindreschen sind total sinnlos, wenn wir nicht versuchen zu verstehen, wo wir herkommen und was unsere Wurzeln sind.

 

Das Gespräch führte Knut Elstermann

 

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